Philosophischer Exkurs: Was ist der Mensch?

Die meisten Menschen kommen mit existentiellen Fragen und Nöten in die therapeutische Praxis. Verschiedene Schulen haben verschiedene Ansätze, diese Nöte aufzudecken oder einzuordnen. Manchmal wird ein Mensch sich dieser Nöte womöglich erst im therapeutischen Prozess bewusst. Und auch hier gibt es verschiedene Ansätze, deren Ursachen zu identifizieren, bestimmte Verhaltensweisen zu benennen und auf Möglichkeiten der Veränderung hinzuweisen oder Verhaltensweisen zu trainieren.

Dahinter stecken mehr oder weniger verborgene Vorstellungen darüber, was der Mensch eigentlich ist, wie er „funktioniert“, wie er lernt, inwieweit wir veränderbar sind.

Im therapeutischen Gespräch geht es manchmal auch „nur“ darum, dem womöglich nie Gesagten oder nie Gehörten Raum zu geben, um das Annehmen des Gegenübers, um das gemeinsame Gewahrwerden dessen, was in den Stunden zwischen zwei oder mehreren Menschen entsteht.

In der körpertherapeutischen Arbeit wiederum gibt es Raum für Wahrnehmungen und Bewegungen, die wir mit dem gesprochenen oder gedachten Wort womöglich nicht erfassen können.

Jeder Mensch ist anders, jeder Mensch braucht andere Hilfe in der Not. Die Not an sich ist allen gemein, sie resultiert aus der menschlichen Fähigkeit der Reflexion.
Sich seiner Nöte bewusst zu werden, ist Voraussetzung für die Entwicklung von Mitgefühl- für andere- und auch für sich selbst.

Was sind existentielle Nöte?

Haben Sie ein kleines Kind oder ein Geschwisterkind?
Haben Sie bemerkt, wann es anfängt, zwischen „Ich“ und „Du“ zu unterscheiden?
Was ist das überhaupt, dieses „Ich“?
Wo fängt es an und wo hört es auf?

Es scheint, als ob mein „Ich“ durch meine Augen aus mir heraus schaut.
Wohnt es also in meinem Körper?
Und wenn ja, wo?
Wo geht es nach meinem Tode hin?
Wo auf der Welt war es vor meiner Geburt?
Was ist „die Welt“?
Wo fängt sie an und wo hört sie auf?
Was ist der Mensch, was hat das Leben für einen Sinn?
Warum existieren wir?

Das sind die Ursprungsfragen (grundlegenden Fragen) der existentiellen Philosophie.
Es sind die Fragen, die sich jeder Mensch im Lauf seines Lebens stellt.
Und die uns an die Grenzen unseres Verstandes führen können.

Tiefgläubige Menschen finden Antworten in ihrer Religion.
Zieht man mangels eines Glaubens (oder einfach, weil es möglich ist) die Vernunft zu Rate, muss man sich auf das beschränken, was IST, was tatsächlich existiert, wobei wir uns dabei wiederum auf das verlassen müssen, was wir zu erkennen oder zu sehen meinen. Denn wir können nicht entscheiden, ob unser Auge uns „… die Dinge zeigt, wie sie wirklich sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzutut, das nicht ihnen, sondern dem Auge gehört“. (Zitat Heinrich von Kleist)

Mit anderen Worten: wir können die Wahrheit nicht sehen.

Was bleibt, ist aber des Menschen tiefer Wunsch nach Gewissheit, die Suche nach Wahrheit, unsere Angst vor dem Tod, unser Wunsch nach Liebe, die Sehnsucht nach Antworten.

Was ist Liebe?

Vielleicht ist die christliche Vorstellung von Gottes allumfassender Liebe identisch mit der platonschen Vorstellung von der Idee der Liebe.
Nach Platon gibt es neben der Manifestation von Liebe (die sozusagen im Gegenstand auftritt, also zum Beispiel in der Liebe zu meinem Kind) eine Idee der Liebe, eine Idee der Schönheit, der Wahrheit und so fort.
Platon versucht, die Dinge, die wir nicht sehen können, fassbar zu machen.
Alles, was wahr ist, hat Teil an der Idee der Wahrheit.
Diese Idee ist eine Einheit, sie ist unvergänglich und unsterblich.
Auf diese Weise ist auch die Liebe unsterblich.

Habe ich als Mensch, hat mein Ich, teil an der Idee der Wahrheit?
Und an der Idee der Liebe?
Was bedeutet Liebe für mich?
Wo wohnt  sie?

Liebe ist ein Gefühl, aber auch eine Handlung. Die Erfahrung der Liebe bedarf immer der Erfahrung von etwas ausserhalb meiner selbst.
Das ist ein anderer Mensch, das ist vielleicht auch die Erfahrung von etwas, das mich sehr berührt.
Das Spiel der Elemente, ein Musikstück, ein Tag am Meer.

Erfahrung ist ursprünglich unmittelbar und in ihrem Wesen nach nicht ver-mittelbar.
Ein Kind, das Schmerz empfindet, IST in jenem Moment ganz der Schmerz.
Eines Kindes Schmerz ist allumfassend, so auch sein Staunen, so auch sein Vertrauen in die Welt.
Irgendwann fängt es an, die Frage nach dem „warum“ zu stellen.

Der Weg von „warum geht die Sonne unter“ hin zu „warum müssen alle Menschen sterben“ ist nicht sehr weit, die letzte der Fragen beschäftigt uns ein Leben lang.
Und wenn nicht, dann stellen wir uns womöglich, beim Verlust eines geliebten Menschen, die Frage „warum jetzt“.

Die „warum“-Fragen sind nahezu unendlich.
Sie reichen von „warum gibt es den Hunger in der Welt“ zu „warum hast du mir das angetan“.
Ängste, Selbstzweifel, etwas Großes in seiner Bedeutsamkeit nicht erfassen können, das macht uns hilflos und einsam.
Der Prozess, den wir bei der Beantwortung dieser Fragen durchlaufen, ist existentiell dafür, wie wir uns als Ich in der Welt, das heißt im sozialen Kontakt, erleben; und die Beantwortung bestimmt massgeblich den Grad unseres Wohlbefindens und unserer Handlungsfähigkeit.
Denn als Erwachsene stellen wir die Fragen, auch wenn wir sie womöglich mit jemandem teilen, an uns selbst und wir sind für ihre Beantwortung auch allein zuständig.

Am Ende geht es darum, Position zu beziehen.
Entscheidungen zu treffen.
Und zwar möglichst präzise.

Nicht nur um die Beantwortung der Frage, was glaube ich und was nicht, oder was will ich und was nicht, sondern um die Frage einer Entscheidung, einer daraus resultierenden Handlung und die Frage der möglichen Konsequenzen.

Was ist der Mensch,
wenn seiner Zeit Gewinn, sein höchstes Gut
nur Schlaf und Essen ist? Ein Vieh, nichts weiter.

(Hamlet)

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