Verrückt bleiben – verliebt bleiben oder: ich bin doch nicht krank

I. Über Verrücktheit

Wer in den 80er/90er Jahren regelmäßig in Berlin U-Bahn fuhr, dem konnte es geschehen, dass er plötzlich mit einem jungen Mann konfrontiert war, der an jeder Haltestelle kurz vor dem Schließen der Türen „ver-rrrückt bleiben!“ rief, manchmal auch „verrückt bleiben – verliebt bleiben!“.
Ich habe das geliebt.
Zu der Zeit gab es in den Bahnhöfen noch echte Menschen, BVG-Angestellte, die, teils aus einem Glaskasten heraus, vor Abfahrt des Zuges riefen: „zuuuu-rück bleiben bitte!“.
Und der junge Mann hatte davon seine ganz eigene Version.
Später sah ich einen wunderbaren Dokumentarfilm über ihn.*

Es passiert mir immer noch beinahe jeden Tag, und das sowohl in privatem Kontext als auch in meiner Praxis, dass ich die Sätze „ich bin doch nicht verrückt“ oder eben, wie im Titel anklingend, „ich bin doch nicht krank“ höre. Manchmal sind es auch Angehörige zum Beispiel eines Menschen mit starken Angstgefühlen, die ihm oder ihr eben dieses spiegeln:
Du bist doch nicht verrückt/krank/…“ und gemeint ist damit häufig: Du brauchst keine therapeutische Unterstützung“, was, wenn ich es genau so und als praktizierende Therapeutin lese, eigentlich eine ganz schöne Gemeinheit ist.

Aber ich möchte über Verrücktheit und Krankheit sprechen.
Das Ursprungswort des Wortes „Verrücktheit“ ist nämlich der Ruck.
In der Fachsprache der Germanistik heißt der Begriff für Ursprungswort „Lexem“ und wird definiert als „letzte sinnstiftende Bedeutungseinheit“ (die dann in vielen daraus abgeleiteten Wörtern auftaucht).
Das Wort, auf das „Verrücktheit“ zurückzuführen ist, ist der „Ruck“. Einen Ruck kann ich verspüren, einen Ruck möchte ich mir manchmal geben, manchmal muss ich das sogar, und manchmal wünsche ich mir das auch für eine andere Person. Wenn sie sich nur endlich einmal einen Ruck geben würde!“
Was passiert, wenn es diesen Ruck gegeben hat? Etwas oder jemand befindet sich an einer anderen Stelle als zuvor. Besonders deutlich wird das, wenn ich das kurz auf Gegenstände übertrage:
Beim Möbelrücken sorge ich zum Beispiel dafür, dass der Tisch nicht mehr an der Wand, sondern mittig im Raum steht.
Ist der Tisch deshalb verrückt?
Ja!

Nicht viel anders verhält es sich mit dem, was landläufig beim Menschen als „verrückt“ bezeichnet wird:
Jemand oder etwas befindet sich an einem ungewohnten Ort, vielleicht ist etwas nicht dort, wo es vermutet wird,  nicht so, wie es sein sollte, nicht so, wie es sein könnte, nicht so, wie ich mir das wünsche oder wie es in der Gesellschaft erwartet wird, oder schlicht und einfach vollkommen ungewohnt, an unerwarteter und manchmal eben auch an hinderlicher Stelle.
Angsterkrankungen lassen sich zum Beispiel auf diese Art ganz gut beschreiben:
Eine Hitchcock-Anleihe: Die Angst vor der Farbe ROT steht für eine (unverarbeitete) Angst, die ein vergangenes Geschehnis ausgelöst hat:
Die Angst wurde an eine andere Stelle verrückt.
Das kann verschiedene Ursachen haben:
Häufig ist zum Beispiel, dass angstauslösende Erfahrungen gemacht wurden in einer Zeit, in der das Vermögen, eine Begebenheit in ihrer Tragweite zu erkennen, zu benennen und emotional sowie kognitiv zuzuordnen, noch nicht ausgeprägt war.
Ein Bespiel hierfür ist:
Ich kann noch nicht sprechen, also kann ich weder verstehen noch erklären, was mir Angst macht. Und dadurch kann diese Angst sehr machtvoll sein. Wir Menschenskinder sind insofern „angst-gefährdet“, als wir, im Gegensatz zu unseren tierischen Erdmitbewohnern, komplett unfertig auf die Welt kommen und in jeglicher Hinsicht abhängig sind. Da bedarf es der ausreichenden Fähigkeit, die Liebe, Sicherheit und Fürsorge zu geben, die dafür sorgt, dass Ängste in einem aus-haltbaren und integrierbaren Maß erfahren werden.

Ein anderes Beispiel: die erlebte Angst war so schlimm, dass ich sie, um zu überleben, ganz tief verdrängen musste. („In die Tiefe ver-rücken“)
Manchmal ist genau das wichtig, um überhaupt überleben zu können.

Es ist mir wichtig zu erklären, dass Gefühle genauso“verrückt“ sein können wie Möbelstücke:
Die Wut, die mich jedesmal überfällt, wenn meine Kollegin oder mein Kollege schon wieder etwas vergessen hat, worum ich gebeten hatte, kann ursprünglich an eine ganz andere Person gerichtet sein, der gegenüber ich, aus Sorge, sie zu verlieren, diese Wut aber nicht ausdrücken darf.
Aber nicht nur Angst oder Wut können ver-rückte Gefühle sein (genauso, wie Angst und Wut natürlich auch komplett angemessen sein können), ich kann auch einfach ein bisschen anders sein als die meisten Menschen.
Und manchmal schaut einen ein Mensch ganz liebevoll an, wenn er oder sie sagt: „Du bist ja verrückt!“ und meint damit zum Beispiel: „Das ist aber mutig von dir!“ oder: „Das kommt jetzt aber unerwartet!“ und manchmal heißt es auch: „Du bist etwas ganz Besonderes.“

Ich möchte an dieser Stelle gern zum Mut zur Verrücktheit auffordern, und zwar in dem Sinn, dass Sie zu dem Ver-rückten in oder an Ihnen stehen, entweder, indem Sie sagen: „ich möchte ganz genau so sein“, oder: „dies und jenes ist anders an oder in mir und es gibt keine Variante, also bitte akzeptiert mich so, wie ich bin“.
Oder, für den Fall, dass es Ihnen nicht gut geht mit Ihrer Verrücktheit, dann sagen Sie: „Ja, hier ist etwas fehl am Platz, ver-rückt, in mir, etwas fühlt sich nicht gut an. Ich möchte das verstehen lernen, um es entweder zu verändern, zu lindern, oder zu lernen, wie ich damit leben kann.“

II. Über Krankheit

Die Leiden der Seele als Krankheit zu begreifen ist, wie eingangs erwähnt, für meine Begriffe immer noch viel zu sehr Tabu.
Immer noch hören seelisch kranke Menschen Ratschläge von „Reiß dich mal zusammen“ über „Das bildest du dir doch ein“, „Ich habe viel Schlimmeres erlebt“, bis hin zu „Du hast doch alles, dir müsste es doch gut gehen!“ und eben obiges „Du bist doch nicht verrückt“, was in die Nähe der Leugnung rückt. (Das wäre dann wieder etwas „Ver-rücktes, aber das führt hier zu weit)

Manche Menschen haben nicht lernen dürfen, dass ihre Gefühle wichtig sind, dass sie eine Bedeutung haben, und dass sie willkommen sind. (Genauso wichtig ist es natürlich, Gefühle regulieren zu lernen.)
Da kann es dann passieren, dass jemand fürchtet, an Magenkrebs erkrankt zu sein, und im Laufe des therapeutischen Prozesses stellt sich heraus: Die Magenschmerzen heißen eigentlich „Sorgen.“ Nicht umsonst sagen wir im alltäglichen Sprachgebrauch: Das ist mir auf den Magen geschlagen.“
Ich mag diese Art des „Übersetzens“ sehr, und kann nur dazu ermutigen, bei bestimmten körperlichen Symptomen der Frage nachzugehen: was könnte sich dahinter verbergen?
Natürlich ist ein Schnupfen manchmal einfach nur ein Schnupfen, ausgelöst durch ein Virus.
Aber manchmal haben wir eben auch von etwas die Nase gestrichen voll.
Und manchmal kommen die Kopfschmerzen vom schlechten Schlaf oder vom Durchzug, aber ebenso häufig zerbreche ich mir mal wieder über etwas den Kopf.

Bei dem Wort „Verrücktheit“ lässt sich folgende Kette bilden:
Ruck wird zu „rücken“, „rücken“ zu „verrückt“, „verrückt“ zu „Verrücktheit“.
Bei der Krankheit ist es einfacher:
Das Ursprungswort ist „krank“, welches als ein Synonym (anderes Wort) für das Wort „Schwäche“ gilt.
Aus diesem Ursprungswort leiten sich wiederum die Worte „kränken“, „Kränkung“ und „gekränkt“ (sein) ab.
Das kann kein Zufall sein, und häufig steht im Fall einer seelischen Erkrankung eine massive Kränkung im Hintergrund, ein Umstand, dem meines Erachtens zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird bei der Analyse einer ganzen Gesellschaft als „die narzisstische Gesellschaft.“ Kein Narzissmus ohne Kränkung.
Und wenn ich jetzt wieder überlege, dass krank zu sein bedeutet, dass ich eine Schwäche habe, dann hört es sich ganz anders an, zumal „eine Schwäche zu haben“ für etwas oder jemanden ja durchaus bedeuten kann: Ich fühle mich dazu hingezogen.
Also fragen Sie sich auch ruhig einmal: Warum fühle ich mich „zu Bauchschmerzen hingezogen“? Warum ist genau das meine Schwäche? Was bereitet mir immer wieder so große Sorgen, oder was habe ich noch nicht verdauen können?
Ersetze ich das Wort „Krankheit“ durch „Schwäche“, kann ich damit vielleicht einen anderen Zugang bekommen.
Schwäche muss erlaubt sein!
Schwäche gehört zum Leben dazu, und genau so, wie der Mensch zu Beginn seines Lebens zu schwach ist, um allein zu überleben, so wird er oder sie es für den Fall, dass ein bestimmtes Alter erreicht wird, auch wieder werden.

Und, um noch ein Klischee zu bedienen:
Die Fähigkeit Schwäche zu zeigen kann sich allein dadurch, dass ich den Mut dazu aufbringe, sie zu zeigen, in Stärke umwandeln.

 

* Film von Elfi Mikesch, 1997.

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