Ich beziehe immer alles auf mich

In meiner Praxis höre ich häufig den Satz: „Ich beziehe immer alles auf mich“.

Dieses Verhalten (oder Erleben) führt oft dazu, dass die Menschen dazu tendieren in Beziehungen pauschal die Verantwortung zu übernehmen oder sich gar schuldig zu fühlen oder wertlos.
Das wiederum führt dazu, dass noch mehr Verantwortung übernommen wird und das Selbstwertgefühl weiter sinkt.
Jedes Scheitern bestätigt die negative Erfahrung.

Grundsätzlich sehe ich zwei hauptsächliche Ursachen dafür, dass Menschen Ereignisse und Verhaltensweisen  anderer auf sich beziehen.
Beide liegen in der Kindheit.

Die eine entspringt einer massiven Kränkung, hervorgerufen durch verschiedene Ursachen, von nicht gesehen und nicht beachtet und nicht wert geschätzt und bestätigt werden bis hin zu womöglich gravierenden Gewalt-Erfahrungen. Diese Gewalt-Erfahrungen können dabei sowohl körperlicher als auch seelischer Natur sein.
Die andere, die mit der ersten verwandt ist, liegt in der Ausbildung von negativen Glaubenssätzen über sich selbst.

Kinder glauben ihren Eltern alles.
Je kleiner das Kind, desto größer die reale Abhängigkeit.
Diese Abhängigkeit besteht aber eben nicht nur darin, dass Bedürfnisse elementarer Natur erfüllt werden, sondern auch darin, dass ich als kleiner Mensch den Spiegel und die Bestätigung der Eltern (oder der Personen, die diese Rolle einnehmen) benötige um zu wissen, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde.
Ich benötige Wärme, Aufmerksamkeit und Verständnis.

Wenn ein Kind zu laufen lernt und die Eltern applaudieren (ich sage gern: kleine Kinder brauchen uneingeschränkten Eltern-Applaus), dann wird sie das motivieren weiter zu gehen.
Wenn ein Kind darin aber unnötig gebremst wird, können Unsicherheiten entstehen, die wiederum dazu führen, dass das Kind statt auf sein eigenes Bemühen viel mehr darauf achtet, wie genau die Reaktion des Elternteils ist.
Ich bin dann mehr auf den anderen fokussiert als auf mein eigenes Wollen und meine eigene Entwicklung.

Eltern, die ihren Kindern spiegeln oder aussprechen: „Das kannst du nicht“, „Du machst nichts als Ärger“ , „Du musst dir mehr Mühe geben“ oder die ihren Kindern über Aussagen zu verstehen geben, was sie von ihnen erwarten, zum Beispiel mit Sätzen wie: „Deine Freundin XY ist immer so hübsch frisiert“, „Dein Bruder hat uns ja keinen Ärger gemacht“, „Wenn ich das als Kind gemacht hätte, wäre dies und jenes passiert“, die suggerieren dem Kind: „Ich muss mich nur mehr anstrengen, dann sind meine Eltern mit mir zufrieden, dann werde ich geliebt, dann bin ich richtig, dann ist alles gut.“

Das Kind wird alles tun um Ablehnung und Bestrafung zu vermeiden und zu der Person zu werden, die die Eltern gern hätten.
Wenn die Bemühungen aber keinen Erfolg haben, dann entsteht der negative Glaubenssatz:
Mit mir muss etwas nicht in Ordnung sein, denn sonst würde ich geliebt, nicht beschimpft, nicht verlassen, nicht geschlagen…“
Dadurch, dass Sie immer wieder die Erfahrung machen: „Ich kann mich noch so sehr anstrengen, es nützt nichts“ entsteht ein Gefühl von Ohnmacht.
Diese Ohnmacht lässt eine Person entweder verstummen, oder sie führt dazu, dass sie ihre Anstrengungen zu gefallen intensiviert.
Es ist hierbei wichtig zu verstehen, dass das eine Art des alles-auf-sich-Beziehens ist.

Ich richte mich jetzt ganz nach dem anderen, nach dessen Gesichtsausdruck, nach dessen Tonfall, versuche herauszufinden, was ich tun kann, um das Wohlwollen, die Liebe des anderen zu erreichen.
Gelingt es nicht, liegt es an mir (so der falsche Gedanke).
Häufig werden in diesem Modus dann eben auch die Verhaltensweisen des anderen auf sich selbst bezogen und nicht als Defizit oder einfach als miese Stimmung des anderen erkannt, die nichts mit mir als Gegenüber zu tun haben.

Menschen, die alles auf sich beziehen, sind nie heraus gekommen aus dem Modus der Anstrengung, durch die erreicht werden soll, dass der andere sie liebt und wertschätzt und von sich heraus die Dinge tut, von denen sie sich wünschen, dass sie getan werden.
Hier wird geliebt werden mit der Idee verknüpft, es wert sein zu müssen.

Das ist auch für erwachsene Beziehungen fatal, zumal es außer Acht lässt, dass auch der Andere seine Defizite mit sich bringt, die nichts mit Ihnen zu tun haben und schon lange vor Ihnen im anderen verankert  waren.
Dadurch, dass diese Glaubenssätze sich so früh etabliert haben, sind sie ganz tief als seelisches Muster in uns verwurzelt.
In jedem Konflikt, speziell in Konflikten mit Menschen, die vielleicht selbst Schwierigkeiten haben sich in den anderen hinein zu versetzen, wird die Selbstüberzeugung aktiviert, von der ich oben geschrieben habe:
Es liegt an mir“, „Ich muss etwas an mir verändern“, oder „Wenn ich mich nur mehr anstrenge, passiert es nicht nochmal“ oder auch: „Ich bin dafür verantwortlich, dass das hier gut ausgeht.“

Wenn Sie diese Sätze kennen, können Sie sicher sein, Opfer zu sein von früh etablierten falschen Glaubenssätzen, die dazu geführt haben, dass Sie ein geringes Selbstwertgefühl entwickelt haben.

Die Arbeit hieran kann schmerzhaft und langwierig sein, und es wird Ihnen immer wieder passieren, dass Ihnen Ihre alten falschen Glaubenssätze in die Quere kommen.

Zunächst geht es darum zu begreifen, dass es sich hier um Lügen handelt.
Kein Kind kommt „falsch“ auf die Welt.
Kein Kind hat den Erwartungen der Eltern zu entsprechen.
Jedes Kind kommt mit einer eigenen Persönlichkeit auf die Welt, die es wahrzunehmen und zu beschützen und zu fördern gilt.

In einem therapeutischen Prozess wird es darum gehen, diese falschen Glaubenssätze zu identifizieren und vor allem darum, sie als falsch zu verstehen.
Dieser Prozess ist mühsam und und kann sich so anfühlen, als würden Sie sich im Kreis drehen.
Die Erklärung hierfür ist einfach: erstens sind die Glaubenssätze fast so alt wie Sie selbst, zweitens wurden sie mehrfach, meistens über Jahre hin weg, wiederholt und wiederholt und haben sich tief in uns eingegraben.
Das, was als Schutz gedacht war, funktioniert nicht.
Vom Kopf her verstehen Sie die Idee der falschen Überzeugungen, aber die erlernten Mechanismen holen Sie immer wieder ein.

In manchen Fällen ist es hilfreich und gelingt auch im Verlauf des therapeutischen Prozesses, miteinander herauszufinden, warum sich Ihre Eltern (oder andere Bezugspersonen) so verhalten haben, wie sie es taten, in manchen Fällen gelingt es allerdings auch nicht.

Der Ausweg liegt im Verändern der eigenen Glaubenssätze zusammen mit dem Erleben von Wertschätzung und Unterstützung in der Therapie, eine Wertschätzung und Unterstützung, die Ihnen wie jeder Person zusteht.

Wenn Sie sich an einer der Stellen in diesem Text wieder erkennen, lade ich Sie herzlich ein, über das entsprechende Formular Kontakt zu mir aufzunehmen, damit wir ein erstes Gespräch miteinander vereinbaren können.

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