„Stellen Sie sich vor…“ beginnt der erste Satz meiner Hausaufgabe.
Ich denke an die wunderbare Georgette Dee.
„Stellen Sie sich einmal vor, Sie befinden sich auf einem Kreuzfahrtschiff ….“
– an dieser Stelle beginnt das Publikum auch schon zu applaudieren.
Bei meiner Hausaufgabe geht es im Prinzip um dieselbe Situation, nicht den zu erwartenden Applaus, sondern das sinkende Schiff, nur, dass ich mich hier nicht im Bereich der Poesie befinde. Oder doch?
Ich schweife ab, komme nicht einmal über die erste Hälfte des einleitenden Satz hinaus, der da lautet:
„Stellen Sie sich vor, Sie werden demnächst sterben und haben Zeit, sich darauf vorzubereiten.“
Nicht nur Chopin fällt mir dazu ein, sondern als erstes Isabel Coixets „Mein Leben ohne mich“, ein Film, den ich sehr liebe, worin eine junge Frau, gespielt von der großartigen Sarah Polley, erfährt, sie habe nur noch zwei Monate zu leben und daraufhin eine Liste anfertigt mit dem dramaturgisch gelungen Titel: „Ten Things to do before I die“. Sex mit einem anderen Mann als dem eigenen zu haben gehört dazu.
Sowie die Suche nach einer geeigneten Frau und Mutter für ihren zurück bleibenden Ehemann und ihre beiden Kinder.
Mich überfordert das. Nicht der Film, sondern die Frage:
Was würde ich tun?
Zwei Monate sind aber auch wirklich verdammt wenig. Soll ich das trotzdem durchdenken?
Oder mir noch ein volles Jahr zugestehen? Oder wenigstens ein halbes?
Wie soll ich denn sterben? Was für Fälle gibt es denn überhaupt, in denen man das so genau weiß? Mir fällt außer Krebs nichts ein.
Das bedrückt mich. Krebskranke und ehemalige Krebskranke sowie Krebstote gibt es schon zu viele in meinem Leben.
Der Gedanke daran fühlt sich mies an, meine Rückenmuskeln verkrampfen sich, meine Hände werden eisekalt, ich muss mich um Haltung bemühen.
(Muss ich?)

Also gut. Zigarette.
Ich stelle mir vor, ich gehe zum Arzt. Wegen „unklarer abdominaler Beschwerden“. Bleibe also beim Film.
Es ist nicht so, dass ich das Thema Tod vermeide, im Gegenteil.
Ich habe eher damit zu kämpfen, NICHT andauernd an den Tod zu denken.
Ich bin mir meiner Sterblichkeit nur allzu deutlich bewusst.
Das ging mir schon in jungen Jahren so, ich erinnere mich, dass mich der Gedanke daran plötzlich, aus dem Nichts heraus (!), erwischen konnte , worauf sich in meiner Brust alles zu einem einzigen schweren Klumpen zusammenzog, Angst-Klumpen, atmenraubend, lähmend.
Das war stets des Nachts, und meistens reichte es aus, das Licht anzumachen und mich irgendwie abzulenken. Manchmal tat es auch nur das Licht.
Heute brauche ich keine Dunkelheit mehr, um an meinen Tod zu denken.
All die Toten in meinem Leben.
Und schließlich und täglich vermelden mir meine täglich anwachsenden gesammelten Zipperlein, dass mein Körper einem Verfallsdatum unterliegt.
Oder, wie der Physiotherapeut meines Vertrauens einst zu mir sagte:
„Ein Auto, das aus der Fabrik gerollt kommt, ist im Prinzip schon ein Gebrauchtwagen.“
Okay.
Auf dem linken Auge sehe ich nicht mehr wirklich gut, auf meiner Haut vermehren sich die Pigmentflecken, ich habe an beiden Schlüsselbeinen das sogenannte „Klaviertastenphänomen“- ohne, dass ich je einen Unfall hatte, es ist, als würden sich die Knochen in meinem Körper regelrecht verschieben; manchmal stelle ich mir vor, dass sich irgendwann ein völlig absurdes Knochen- und Körperbild daraus ergibt, so etwas wie ein lebendig gewordener Picasso.

Ich laufe also ab.
Sagen wir, um zur Hausaufgabe zurück zu kehren, in einem halben Jahr.
Das bedeutet, ich erlebe meinen 46. Geburtstag nicht mehr, und nicht den 18. meiner Tochter.
Fange plötzlich an zu heulen.
Will das nicht.
Doch nicht jetzt.
Der zweite Hausaufgaben-Satz befragt mich, wen ich vorher noch einmal sehen möchte?
Ich bin erst vor knapp zwei Monaten von Berlin nach Wuppertal gezogen, habe eh viele Menschen, die mir lieb und teuer sind, hinter mir gelassen, zumindest räumlich.
War gespannt, wer von ihnen in meinem Leben bleiben wird und wer sich verabschiedet. Auf lange Sicht.

Zum Teufel, ich WEISS NICHT, was ich machen würde.
Kredit-Karten bestellen? Ich hab nämlich im Moment wenig Geld und würde gern noch ein paar Orte sehen auf der Welt, den Himalaya zum Beispiel.
Das war sowieso immer mein Lieblings-Plan: Nachdem ich alle wichtigen Menschen in meinem Leben überlebt haben würde (außer meiner Tochter, Töchter sollten nicht vor ihren Müttern sterben) – oder einfach, wenn es Zeit ist –  allen Ballast abwerfen, alles verkaufen, verschenken, und mit so wenig Klamotten wie möglich in die Berge gehen, oder in ein Kloster oder auch beides. Meine letzte Zeit mit Schweigen verbringen und Meditation, Berge ansingen und anstaunen, eins werden mit der Natur, mit der Welt an sich- einverstanden sein. Atmen, so lange es geht.
Eine recht hehre Vorstellung von mir als alter Frau, die Betonung liegt dabei auf alt, und alt werde ich ja nun nicht mehr.

Ich würde gern noch eine richtig großartige Reise mit meiner Tochter machen,
vielleicht für einen Monat in die Karibik fahren oder nach Island oder einfach ins Auto setzen und durch Europa gondeln.
Warum hab ich blöde Kuh nur nie einen Führerschein gemacht?
Habe das Gefühl, ich komme nicht so richtig nah heran.
Vielleicht doch nur zwei Monate?
Zwei Monate sind verdammt kurz.
Ich würde wissen wollen, wie das aussieht, so ein Tod aufgrund eines Magenkarzinoms. Woran genau ich sterben würde.
Ich recherchiere „Tod durch Magenkarzinom“ und lese:
„Unbehandelt führt Magenkrebs zum Tod. Durch Metastasenbildung über den Lymphweg oder über Organe (Leber, Lunge und schließlich weitere Organe ) kann es zu entsprechenden Beschwerden kommen.“
„Entsprechende Beschwerden.“ Aha. Kann mir also keiner sagen.
Ich möchte jedenfalls keine fremden Menschen um mich herum.
Warum ich dann Sterbebegleitung mache?
Das ergab sich bisher so. Jedes Mal.
Es war entweder niemand anderes da oder, beim Tod eines Freundes, nur die Frau, von der ich wusste, dass sie ein Jahr zuvor schon ihre Schwester in den Tod begleitet hatte. Und nun ihren Bruder. Ich fühlte mich stark genug, mit ihr zu sein und auch mit dem Freund, mit dem ich so eng dann doch nicht war, als dass er in meinem Leben eine allzu große Lücke hinterlassen würde.

Den Tod eines alten Menschen zu begleiten finde ich nicht schwer. Zwar kann und möchte ich in jedem Alten auch noch das junge Mädchen oder den jungen Kerl sehen, der oder die sie einmal waren, doch dass ich sie nicht wirklich kannte in jener Zeit, das gibt mir Abstand, bei allem Mitgefühl, aller Empathie.
Wen würde ich bei mir haben wollen?
Der Tod ist so intim, das habe ich gesehen.
Alles Leid liegt bloß, alle Angst, keinerlei „Make Up“ mehr, in keiner Hinsicht, der Sterbende kann sich vor den Zeugen nicht verhüllen, selbst, wenn er wollte.
Ist das der Grund, warum ich keine Fremden will?
Nein, ich glaube, ich möchte jemanden bei mir haben, der mich gut kennt, mit dem eine tiefe Bindung durch das gemeinsame Leben besteht –
und jemanden, dem ich etwas bedeute.
Ich möchte als letztes in meinem Leben spüren, dass ich von Bedeutung bin.
Selbstverständlich müsste ich fragen: Traust du dir das zu?
Und natürlich kann nicht ein einziger Mensch andauernd zuständig sein.

Also ganz zurück nach Berlin.
Was für meinen Liebsten nicht einfach wäre, aber ich sterb ja auch nur einmal.
Das Sterben lässt sich genauso wenig üben wie die Geburt.
Das wärs: So ein bisschen proben, mal gucken, wie es sich anfühlt, und dann entscheiden können: „ach nee, jetzt noch nicht“, oder „nicht so bitte“.
Ich besitze seit recht langer Zeit den Vordruck einer Patientenverfügung, die ich einfach nicht ausfüllen mag, nicht, weil ich abergläubisch bin oder so, sondern weil ich Angst habe, die falschen Entscheidungen zu treffen.
Was ist zum Beispiel, wenn ich verfüge: „bitte am Leben erhalten bei Fall soundso“ und dann tritt Fall soundso ein und ich will nichts weiter als sterben, kann es aber niemandem mehr mitteilen?
Noch schlimmer umgekehrt…

Ich möchte Medikamente, bitte.
Ich hab schon immer gerne Aspirin genommen, stehe nicht auf Zuckerkügelchen und auch nicht aufs Aushalten.
Na gut, ich wollte eine natürliche Geburt, habe diese Entscheidung mittendrin durchaus in Zweifel gezogen. Hätte es allerdings ein zweites Mal genauso gemacht.
Was „natürliches Sterben“ bedeutet, weiß ich nicht so genau, aber ich bin auch nicht sicher, ob ich das am eigenen Leib erfahren muss.
Luftnot denke ich mir richtig schlimm, aber da kann man doch auch mit Morphium was machen?
Absaugen, das hab ich erlebt, vielen Dank, darauf kann ich verzichten.
Also, wenn es geht, bitte nicht ins Hospiz bringen. Die Frage ist natürlich, wer tut sich das an? Wer von meinen Freunden in Berlin würde sagen, hey, Pieti, klar kannst du zum Sterben vorbei kommen. Am Dienstag? Denn auch, wenn ich nicht nach Berlin ginge, würde ich nicht hier, in meiner jetzigen Wohnung, sterben wollen.
Hm – das stimmt nicht so ganz, ich denke dabei wohl eher an meinen zukünftig hinterbliebenen Freund als an mich selbst. Bisher haben wir in diesem Bett miteinander geschlafen und miteinander geschlafen und miteinander gelacht und miteinander geweint.
Da drin kann ich doch jetzt nicht sterben, denke ich, was soll der denn dann mit dem Bett machen?

Vielleicht sollte ich bei der wenigen Zeit, die mir noch bleibt, mal aufhören, mir anderer Leute Kopf zu zerbrechen?
Aber würde man einer Sterbenden wirklich sagen: du, ich versteh ja deinen Wunsch, aber HIER, nee, das ist mir wirklich zu viel?
Ich kann mir vorstellen, dass es so eine Art Hierarchie gibt der Menschen, die ich noch sehen möchte. Nein, Hierarchie ist der falsche Ausdruck.
Also, ich stelle mir vor, am Anfang des Prozesses – ich befinde also jetzt in einem Prozess – da dürfen schon noch viele kommen, da würde ich mir das auch wünschen, aber so zum Ende hin, sagen wir in der letzten Woche, da möchte ich dann nicht mehr jeden sehen.
Vielleicht wäre es gut, einen Türsteher zu haben, der weiß, wer hier noch rein darf und wer nicht.
Könnte ich persönlich jemandem sagen, nein, dich möchte ich nicht mehr in meiner Nähe haben?
Besser wär´s.

Irgendjemand sollte sich ums BRIEFING aller Anwesenden kümmern. Damit wirklich jedem klar ist, in meiner Gegenwart wird nicht über mich gesprochen, so als wäre ich schon tot oder sonst wie abwesend.
Das beeindruckendste, was ich in dieser Hinsicht erlebt habe, war die Bemerkung einer patenten osteuropäischen Pflegefachkraft, die unablässig die Hand einer seit Tagen im Sterben liegenden Bewohnerin knetete und die zu deren Tochter gewandt sagte: „Habt ihr schon Bestattungsinstitut?“ und auf meine weit aufgerissenen Augen hin: „Kriegt nix mit, hat Hörgerät nicht drin“.
Was soll ich sagen.

In einer Fortbildung habe ich übrigens gelernt, dass im Ohr verschiedene Flimmerhärchen für verschiedene Tonlagen zuständig sind und dass, wenn die einen sich abnutzen, die anderen sich sozusagen spezialisieren können. Das erklärt das Phänomen „Wenn sie will, kriegt sie noch alles mit“.
Es liegt daran, dass wir flüstern, wenn wir über jemanden reden, von dem wir glauben, er hört uns nicht, und die Frequenz, auf der wir senden, erreicht stattdessen genau dessen Ohr.

Aber ich schweife schon wieder ab.
Die Hausaufgabe möchte jetzt von mir wissen, ob ich noch Wichtiges mitzuteilen habe, und wenn ja, wem,
und ob ich jemandem etwas zu verzeihen habe oder jemand mir.
Bin froh, ein Mensch zu sein, der kein Blatt vor den Mund nimmt.
Soll heißen, auf dieser Liste steht nicht viel. Womöglich gar nichts.
Ich würde vielleicht noch ein, zwei Briefchen schreiben, aber keine der großartigen Art, mir fällt da ein Kerl ein, in den ich immer mal wieder ein bisschen verliebt war, dass würde ich ihm glaube ich, schreiben.
Das Motiv?
Vielleicht, die Erinnerung an mich zu kontrollieren, aufzupeppen.

Ich möchte auch bitte, dass auf meiner Beerdigung Rotz und Wasser geheult wird. Und dass Theater gemacht wird, gesungen, erzählt, getanzt, gelacht bitte auch.
Ich habe mir schon ein dutzend Mal überlegt, welche Lieder gespielt werden sollen, das wechselt natürlich immer mal wieder.
Vielleicht ganz kitschig „Sometimes it snows in April“ von Prince oder eine meiner eigenen für Theaterstücke produzierten Endlosschleifen oder auch „Don´t forget me“, gesungen von Marianne Faithful.
Oder „Vissi d´arte“, aber nur, wenn ich sicher sein könnte, dass dabei jemand kichern muss.
Claus vielleicht.
Und zum Abschluss dann Joseph Beuys´ „ja ja ja… nee nee nee“
Also am liebsten irgendetwas ganz Rühriges, das dann wieder aufgehoben wird durch etwas, wo alle lachen müssen und sagen: Typisch Piet, oder so etwas in der Art.
Also mit anderen Worten, genau so, wie ich auch wahrgenommen werden möchte, jetzt, als lebendiger Mensch, so soll die Party sein.

Leider wechselt nicht nur meine Idee von der Musik, sondern auch die Idee davon, WIE ich beerdigt werden möchte, immer mal wieder.
Früher wollte ich nie und nimmer verbrannt werden.
Ich war als 13-Jährige auf der Beerdigung eines Menschen, den ich kurz davor noch in vollständigen Teilen gesehen hatte, und konnte es kaum fassen, wie dieser Mensch nun plötzlich in diese kleine Urne passen sollte.
Was mir aber viel mehr zu schaffen macht, ist die Vorstellung, noch ein paar Tage oder Wochen in einer bitterkalten Schublade herumzuliegen.
Es gibt ja Leute, mein Liebster zum Beispiel gehört dazu, die sagen, das Totsein an sich mache ihnen nichts aus, das bekämen sie ja eh nicht mehr mit.
Solche Sachen macht mein Verstand nicht mit.

Das Nicht-Sein und Nicht-Fühlen und Nicht-Denken kann ich mir einfach nicht vorstellen, und es beruhigt mich ungemein, dass schon einige große Geister sich daran die Zähne ausgebissen haben.
Diese Menschen, die von der „ich-merk-ja-dann-nichts-mehr“-Fraktion, sagen, sie haben Angst vor dem Prozess.
Der Prozess an sich macht mir weniger Angst als die Tatsache, dass ich seinen Ausgang nicht beeinflussen kann.
Ich kann es nicht leiden, wenn ich die Dinge nicht im Griff habe.
Autonomieverlust ist mir ein Gräuel.

Mir fällt eben ein, dass vielleicht auch einige, die ich nicht mehr sehen möchte, am Schluss, ganz froh sind, dass sie nicht auf der Gästeliste stehen?
Ganz schwer fällt es mir, hierbei an meine Tochter zu denken.
Ich weiß nicht, ob man das miterleben muss, den Tod der Mutter, noch dazu einen ganz frühen.
Im Altersheim saß ich bei einer Frau am Bett, die starb, da kam dann noch einmal die Tochter, sagte, sie hätte so ein komisches Gefühl gehabt.
Da waren wir nun zu dritt, und irgendwann hat es sich nicht mehr richtig angefühlt, und ich habe zu der Frau gesagt. „Sie müssen das hier nicht können“.
Sie war unglaublich froh, verließ auch kurz darauf das Heim, und nur wenige Minuten später starb die alte Frau.
Die Tochter hat mir später ein Päckchen geschickt, mit Pralinen, einem ungeheuer berührenden Dankesbrief sowie einem Büchergutschein.
Ich habe mich bis jetzt nicht dafür bedankt. Na bitte, es gibt also auf jeden Fall etwas, das ich noch tun muss.
Damit ist die Hausaufgabe allerdings nicht erledigt.
Ich soll mir nun alles auch noch ganz genau vorstellen, mit allem Sinnen, nehme ich an, wie es aussehen soll um mich herum, was sein soll, was auf gar keinen Fall geschehen darf.
Das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann, ist, bis zum letzten Moment nicht einverstanden zu sein, ich kann nur hoffen, dass da die Natur auch ein wenig mithilft, so ist es beim alltäglichen Schlaf ja schließlich auch.
Irgendwann – schläft man halt.
Über die Sache mit dem Drumherum, darüber denke ich morgen nach.

(entstanden während meiner Hospizhelferausbildung 2011)

 

Print Friendly